Der Wirtschaftsgipfel in Krynica – Themen, Gäste und die wichtigsten Fragen der Zukunft.

Patryk Szostak

Der Wirtschaftsgipfel in Krynica – Vorgeschichte und Hintergrund

Dieser Tage, vom vierten bis zum sechsten September, findet wie jedes Jahr der Wirtschaftsgipfel in Krynica statt. Angefangen hat alles 1992, kurz nach den Wirtschaftsreformen von Leszek Balcerowicz, der sogenannten wirtschaftlichen Transformation. Zu dem damaligen Zeitpunkt handelte es sich um ein kleines lokales Event, an welchem etwa 100 Unternehmer aus Polen teilnahmen.

Zygmunt Berdychowski war der Gründer dieses Events, welches bis heute von der Fundacja Instytut Studiów Wschodnich organisiert wird. Natürlich konnte damals noch keiner ahnen, dass binnen einiger Jahre dieses Treffen zum wichtigsten Wirtschaftsgipfel in Mittel- und Osteuropa aufsteigen wird. Als Hauptziel gilt das Hinarbeiten auf ein besseres wirtschaftlich-politisches Klima, welches wiederum der verbesserten Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Politik und dem dritten Sektor dienen soll. 2016 haben bereits 3000 Teilnehmer aus 60 Ländern teilgenommen, dieses Jahr sind es gar über 4000. Renommierte Zeitungen wie The Wall Street Journal oder Financial Times sind dieses Jahr mit ihrer Berichterstattung auch wieder dabei.

Nicht nur die Teilnehmeranzahl, Qualität und Quantität der medialen Berichterstattung haben sich mit dem Wandel der Zeit verändert. Ähnliches gilt für die Themenpalette, die dieses Jahr besonders breit angesetzt wurde. In den ersten Jahren ging es vor allem darum, wie man die gerade erst eröffneten Märkte nutzen kann, wie polnische Firmen trotz damals noch massiver Nachteile gegenüber internationalen Konkurrenten sich behaupten können.

 

Wirtschaft Heute – „Heterodox is the new normal“

Eins wurde schnell klar: Wurden vor Jahren noch Forderungen nach einem interdisziplinären Verständnis der Ökonomie als Häresie abgetan, so scheint eine solche Herangehensweise mittlerweile im Mainstream verankert zu sein.

Bei der diesjährigen Edition, dem XXVIII Gipfel, ging es in der ersten Debatte um das Thema „Zwischen Wirtschaft und Politik. Europa auf der Suche nach wirtschaftlichem und sozialem Wachstum“. Unter den Diskutanten war u.a. Ex-Ministerpräsident Beata Szydlo, wichtige politische Vertreter aus Bulgarien und der Ukraine, aber auch William Ribaudo von Deloitte und Reiner Schlatmann von Phillips. Valeri Simeonov, ein Demographie-Experte aus Bulgarien, stellte die These auf, dass jedes Land es selbst in der Hand habe, massive Emigrationsströme zu begrenzen. Bulgariens Rezept sei hier auf den IT-Sektor zu setzen und erste Erfolge seien bereits sichtbar.

William Ribaudo von Deloitte betonte die Vorteile der Digitalisierung, welche allzu häufig im öffentlichen Diskurs mit Ängsten in Verbindung gebracht würde. So seien Konzerne, die erfolgreiche Digitalisierungsstrategien umgesetzt haben, zuletzt besonders erfolgreich, wodurch sie dann auch das BIP des jeweiligen Landes positiv beeinflussen. Beata Szydlo bestätigte dieses durch und durch positive Bild, machte jedoch auch darauf aufmerksam, dass Konzerne sich auch anpassen müssen indem sie z.B. lokale Produkte verwenden und vor Ort Steuer zahlen.

 

Innovation als „Conditio Sine Qua Non“ der heutigen Wirtschaft

In der nächsten Diskussion standen die Themen Innovation und Wirtschaft im Vordergrund. Unter den Diskussionsteilnehmern waren diesmal Hermann Simon, der Gründer von Simon-Kucher & Partners, der aktuelle polnische Minister für Investitionen und Entwicklung Jerzy Kwieciński und andere Vertreter aus der Welt der Politik und Wirtschaft.

Thematisiert wurde u.a. der Begriff der sog. Globalien. Simon deutete darauf hin, dass die Entwicklung der Zukunft nicht von den 500 größten globalen Firmen getrieben wird, sondern – wie die Beispiele China und insbesondere Deutschland beweisen – vom Mittelstand. Hermann Simon bezeichnet Firmen dieses Sektors als die „versteckten Sieger“. Tomasz Czechowicz von MCI Capital fügte hier noch den polnischen Kontext ein: 40% des polnischen BIPs ist in den regionalen Märkten verankert, dort sind die größten Kundengruppen lokalisiert. Bislang gab es nicht viele polnische internationale Champions, deswegen sei es umso sinnvoller von den Erfahrungen anderer Länder mit mittelgroßen Unternehmensstrukturen Gebrauch zu machen.

Hin zur Kreislaufwirtschaft

Viel wurde in den letzten Jahren darüber geschrieben, dass man in der Ökonomie vor einem proökologischen Paradigmenwechsel stünde. Auch dies wurde in dem Wirtschaftsgipfel widergespiegelt: NGO-Vertreter und Bankendirektoren diskutierten über die Notwendigkeit der Evolution von der Wegwerfgesellschaft hin zur Kreislaufwirtschaf, wo „Müll“ möglichst ohne Recyclingumwege direkt zur nächsten Produktionsresource wird.

An dieser Stelle wurden unterschiedliche Methodiken besprochen, die als Antidotum gegen die aktuelle ökologische Gefahren fungieren sollen: Kazimierz Rajczyk distanzierte sich gegenüber reinen neoklassischen Ansätzen, die quasi der Zirkurlärwirtschaft zu einem reinen Business-Modell verhelfen sollen. Professor Magdalena Kachniewska akzentuierte die Notwendigkeit vor allem durch Bildung und soziale Programme das gesellschaftliche Bewusstsein zu verändern. Andere Experten hingegen setzten auf das Handeln an der Unternehmensebene: durch Anreize, Boni aber auch Strafen. Kurzum Innovationen im Rechtssystem.

Ökonomisierte Kultur oder kulturalisierte Ökonomie?

Zwei weitere Themen dürften auch dem gegenwärtigen Zeitgeist entspringen: Kultur als Industrie und die postindustrielle Gesellschaft. Ersteres galt letztes Jahrhundert noch als Horrorszenario, welches im bekannten Essay von Theodor Adorno und Max Horkheimer konzipiert wurde. Inzwischen hat sich hier aber ein Perspektivwechsel vollzogen und es wird keine einseitige Abhängigkeit der Kultur von der Produktionssphäre unterstellt, sondern es gilt, die variablen gegenseitigen Verflechtungen zu erörtern. An dem Gespräch nahm auch der Kulturminister Piotr Gliński teil. Zu den interessanteren Diskussionspunkten gehörte die Frage, ob öffentlicher Zugang zu Kultur diese sofort zur Massenkultur werden lässt und ob es Sinn macht, „industrielle Methoden“ anzuwenden um die eigene Hochkultur international zu propagieren.

Das postindustrielle Stadium ist ein beliebtes Thema in der Wirtschaftspresse. Zu den Hauptherausforderungen, die auch in der Krynica-Diskussionsrunde nicht zu kurz kamen, gilt die Frage, wie man ehemals industriell etablierte Orte nach ihrem wirtschaftlichen Bedeutungsverlust revitalisieren kann. In Polen sei bislang noch kein Detroit erkennbar, sehr viel unausgeschöpftes Potential hingegen schon. Hier müsste ein kreativer Mix aus innovativem Denken, Marktanreizen und politisch geförderten Wirtschaftszweigen Abhilfe leisten.

 

Premierminster Mateusz Morawiecki war auch dabei

Last but not least hat auch der aktuelle Premierminister Mateusz Morawiecki an einem Austausch teilgenommen. Das Thema lautete: Ein Europa der gemeinsamen Werte oder der gemeinsamen Interessen? Vor dem Hintergrund der aktuellen Ungereimtheiten zwischen der EU und der polnischen Regierung ein durchaus brisantes, vor allem aber aktuelles Thema. Der Ministerpräsident betonte, dass bei korrekter Definition beider Sphären diese nicht im Widerspruch stünden. Allerdings müssen europäische Werte als ein sinnvoller Mix aus universellen Normen und der Anerkennung der Mannigfaltigkeit europäischer Gesellschaften und Werte verstanden werden.

Patryk Szostak

Projektleiter Polnisch-Deutsche Beziehungen

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